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Dunkelheit
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Die alte Frau stand unschlüssig am Straßenrand, schaute verstört zu den vorbei rauschenden Fahrzeugen, so als befürchte sie, von den dröhnenden Maschinen überrollt zu werden. Vergeblich versuchte die Alte auf die andere Straßenseite zu gelangen. Kaum hatte sie einen Schritt über den Bordstein gewagt, zog sie ihren Fuß im nächsten Moment wieder ängstlich und verwirrt zurück. Das donnernde Motorengetöse, die unheimlich wirkenden Kolosse aus Stahl und Blech erschreckten die Frau und machten sie nervös und konfus. Ja, sie jagten ihr Angst ein, ließen ihr Herz heftiger klopfen. Was war nur aus dieser Welt geworden? Lärm, Gestank, Hektik, Rücksichtslosigkeit beherrschten den Alltag. Und die jungen Leute hatten keine Zeit mehr für alte hilflose Menschen. Im Gegenteil, sie lachten und verhöhnten sie, machten sich lustig über die ältere Generation. Eine verdammte, herzlose Welt, dachte die Frau verbittert.

Aber wie war das früher als sie noch jung war und die strammen Burschen ihr hinterher schauten? Dachte und handelte sie da nicht genau so wie die heutige Jugend?

Plötzlich legte sich eine kräftige Hand mit einem stahlharten Griff auf ihre Schultern. Im ersten Moment spürte sie die Berührung wie einen groben Schlag, so als schnüre man ihr das Blut ab. Unwillkürlich neigte sich ihr Körper unter dem kräftigen Druck zur Seite. Die Frau hatte sich derart erschrocken, dass sie nach Luft schnappte und einen kurzen aber heftigen Schrei ausstieß. Grenzenloses Entsetzen stand in ihrem Gesicht. Sie wandte den Kopf und blickte in das lächelnde Gesicht eines jungen Mannes, der mehr als einen Kopf größer war als sie.

„Na Muttchen, wo wollen wir denn hin? Über die Straße, auf die andere Seite? - Ist ja wohl ziemlich gefährlich ... bei dem Verkehr.“

Die Frau nickte nur und reckte ihren Kopf nach oben, um dem jungen Mann überhaupt ins Gesicht sehen zu können. Bei seinem Anblick überkam sie eine gewisse Erleichterung, auch wenn er sie noch vor einer Minute zu Tode erschreckt hatte. Trotz seines bedrohlich wirkenden Anblicks strahlte er Ruhe und Güte aus.

„Ja, ja“, krächzte sie und fuhr mit brüchiger Stimme fort: „Das ist ja ein Verkehr hier ... Früher, ja früher, da hatte man es einfacher über die Straße zu kommen, es gab nicht so viele Autos. - Das wird jeden Tag schlimmer.“

Sie lehnte sich an ihn, hakte ihre dünnen Arme bei ihm ein, wo sie ein Gefühl der Geborgenheit und Ruhe empfand.

„Kommen Sie, Muttchen“, sagte der Mann, „kommen Sie, ich bringe sie nach drüben. - Sonst passiert Ihnen noch etwas ... und das wollen wir doch nicht - oder?“

Er grinste sie schelmenhaft an, sie schaute verstohlen zu ihm auf und hatte den Eindruck, als ginge von diesem Mann eine wohltuende Wärme aus, die wie ein sanfter Strom durch ihre Adern zu fließen schien. Die Frau war glücklich bei diesen Empfindungen, froh, jemanden gefunden zu haben, der ihr helfen wollte, wenngleich auch nur über die stark befahrene Straße, was für sie ein schier unlösbares Problem darstellte. In ihrem Alter konnte sie mit den rasanten Entwicklungen nicht Schritt halten. Zudem interessierte sie der Fortschritt überhaupt nicht. Für all diese Dinge war sie schon zu alt. Was waren es doch während ihrer Kindheit für schöne Zeiten!

„Ja, gehen wir“, krächzte die Alte. Sie deutete auf die andere Straßenseite. „Dort, sehen Sie, dort an der Ecke, zu dem Laden möchte ich ... zu dem Tabakladen ...“

Der Mann folgte dem Blick der Alten mit den Augen. Er sah das schmale viergeschossige Gebäude im Rokokostil, an das ein neuzeitliches Bürogebäude angebaut war und so wirkte, als habe man das alte Bauwerk an die kahle und glatte Betonfassade angeklebt, um es vor dem Einsturz schützen zu wollen. Gleich rechts daneben zweigte eine schmale Straße von der Hauptstraße ab. Genau am Eck führten zwei Stufen zu einer eisenbeschlagenen Tür, eingerahmt von zwei spärlich mit irgendwelchem nutzlosen und uninteressanten Schnickschnack dekorierten Schaufensterscheiben. Unmittelbar unter dem Rahmen baumelten altmodische vergilbte Banner, auf denen die Schrift kaum noch zu lesen war, derart hatte die Sonne die faden Buchstaben ausgebleicht.

Der Mann zwinkerte mit den Augen, schaute die Frau tadelnd an und meinte schäkernd:„Na, na, wir werden doch wohl nicht rauchen?“ Er hob seinen Zeigefinger, schwenkte ihn leicht hin und her und fuhr fort: „Das ist gar nicht gesund ... nein, nein - schon mal gar nicht in diesem Alter. - Wenn das mal nicht auf die Lunge schlägt ... Oder wollen Sie sich mit Gewalt ins Grab bringen?“

Die Alte schielte zu ihm hoch und grinste verschmitzt. Sie schob die Lippen auseinander und gab ihr klappriges Gebiss mit den unregelmäßig geformten Zähnen frei. Fauler Mundgeruch wehte dem Mann entgegen und ließ ihn einige Schritte zurückweichen. Er musste unwillkürlich an seine eigene Großmutter und den Bauernhof, auf dem sie lebte, denken. Auch sie stank genau so gotterbärmlich, wie diese neben ihm stehende Alte.

„Wir müssen alle einmal sterben“, sagte die Frau und lachte in sich hinein, während sie verstohlen nach dem jungen Mann schielte und ihn kritisch musterte. Sie hielt nun seinen Arm noch fester, umklammerte ihn regelrecht, so als befürchte sie, er könne sie alleine stehen lassen. Er spürte den Druck, schaute die Frau mit einem flüchtigen Lächeln kurz an und machte einen Schritt nach vorne. Die alte Frau aber stemmte sich dagegen, so dass er ebenfalls stehen blieb und sie fragend anschaute.

„Warum denn auf einmal so eilig, junger Mann? Sie versäumen doch nichts ... oder?“

Er schüttelte den Kopf, zuckte mit den Schultern und brummte kurz.

„Na, sehen Sie“, meinte die Frau beruhigt und mit einem Seufzer. "Die Zeit rennt uns nicht davon, keine Angst, mein Freund. - Haben Sie auch einen Namen?“ Fragend grinste sie ihn an.

Der Mann nickte, zögerte einen Moment und entgegnete dann knapp: "Stelzer!"
Sie nickte behäbig. „Aha ... Stelzer. - Und wie noch?“
„Nur Stelzer.“
Sie schaute ihn nachdenklich an. „Und - Ihre Mutter ... wie nennt die Sie?“
Wieder schien er zu überlegen, antwortete dann mit einem Wort: „Kevin!“
„Ah - dann sind Sie Kevin ... Kevin Stelzer ...“
Er nickte nur, sagte nichts darauf.

Ihr Gesicht nahm einen freudigen und zufriedenen Ausdruck an, so als habe sie einen lange verloren geglaubten Sohn wiedergefunden. Deutlich konnte man bei der Alten ein Gefühl der Erleichterung erkennen. Ihre Augen begannen zu strahlen, wie die eines kleinen Kindes, dem man die größte Überraschung seines Lebens bereitet hatte.

„Kevin Stelzer!“, wiederholte sie mit sentimentaler Stimme und einer derartigen Begeisterung, dass der Mann beinahe glaubte, er sei etwas besonderes, eine Berühmtheit oder ähnliches.

„Kommen Sie ... Kevin, führen Sie mich nach drüben“, bat die Frau und machte Anstalten zum Gehen.

„Moment noch“, wandte Kevin ein, „Sie kennen nun meinen Namen. - Aber wer sind Sie?“

Die Frau, die schon ein paar Schritte gegangen war, blieb stehen, drehte sich um und musterte den Mann kurz von oben bis unten. Mit einem smarten Grinsen um die Mundwinkel fragte sie: „Spielt das denn eine Rolle? - Warum wollen Sie den Namen einer alten, klapprigen Schachtel wissen? Sie haben ihn doch bis morgen wieder vergessen ... Was nutzt er Ihnen also?“

Kevin zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung“, entgegnete er, „aber es wäre schön. Wer weiss wofür es gut ist? Vielleicht tritt einmal eine Situation ein, in der Ihr Name für mich von großer Wichtigkeit ist.“

Die Frau kam ein paar Schritte näher. Sie streckte den Kopf hoch und schaute Kevin tief in die Augen. Es hatte den Anschein, als könne sie mit dem Blick weit in sein Innerstes hinein sehen und dort all seine Geheimnisse erkennen. Für einen kurzen Moment erschien Kevin diese Frau nicht nur unheimlich sondern auch wie ein Geschöpf von einem anderen Stern.

„Was ... was ist? - Warum starren Sie mich so an“, stammelte er beunruhigt.

„Wenn wir hier noch länger herumstehen, haben die Geschäfte bald zu ... gehen wir!“

Es klang wie ein Befehl. Kevin gehorchte, war erleichtert, nahm die Frau in den Arm und führte sie auf die andere Straßenseite. Sie hatte trotz ihrer scheinbaren Gebrechlichkeit einen selbstsicheren und strammen Gang drauf. Jetzt zeigte sie nicht die geringste Spur von Furcht oder Beirrtheit.

„Na, das hat ja ganz gut geklappt“, meinte Kevin zufrieden, als sie den gegenüberliegenden Bürgersteig erreicht hatten.

Wieder schaute die alte Frau zu ihm hoch und grinste schelmisch. „Sie sind ein Held! Wirklich, ein richtiger Held ... und so mutig“, sprach sie mit einer leichten Spur von Ironie in ihrer Stimme.

Kevin hörte sehr deutlich die Spitzfindigkeit aus der Betonung der Worte heraus und fühlte sich ein wenig veralbert, aber er entgegnete nichts, wohl vor allem aus Respekt vor dem Alter der Frau, von der er noch immer nicht wusste wer sie war.

„Ja, das hat wirklich prima geklappt, Frau ... - Ich kenne noch immer nicht Ihren Namen. Jetzt könnten Sie ihn mir aber wirklich sagen.“

Wieder grinste die Frau ihn verschmitzt an und schüttelte dabei leicht den Kopf, schaute zur Seite, deutete auf den Laden, vor dem sie standen und entgegnete: „Hier - genau hierhin wollte ich ... Begleiten Sie mich? - Sie sollten nicht zögern, junger Mann - Kevin! Wer weiß ... vielleicht finden Sie ja was Interessantes.“

Ihre Worte klangen so bedeutsam und ausdrucksvoll, dass Kevin neugierig wurde. Er nickte kurz und folgte der Frau. Sie ging vor, öffnete die Tür. Eine blecherne Glocke ertönte, muffiger Geruch empfing Kevin, als er eintrat. Neugierig und forschend musterte er den Raum mit all seinen Utensilien. Der Laden wirkte recht düster und kalt, es gab nicht die gewohnte Neonbeleuchtung an der Decke, die dem Raum eine in Helligkeit erstrahlende freundliche und ansprechende Atmosphäre verliehen hätte. Die Wände waren in einem matten Gelbton gestrichen, Spinnweben hingen an den Ecken herab und zeichneten ihre dunklen Spuren deutlich gegen die helleren Wände ab. Hier hatte auch schon ewig keiner mehr sauber gemacht, dachte Kevin und schaute sich weiter um.

Unmittelbar über dem schmalen mit Buchenholzpaneelen verkleideten Tresen hing ein alter, verstaubter Lampenschirm, der nur spärlich den öden Raum erhellte. Neben dem Ladentisch standen verschiedene Pappkartons herum, so dass nur wenig Platz vor dem Tresen blieb. Vor den Fenstern hingen in halber Höhe auf einer alten, schon leicht verbeulten Messingstange vergilbte Gardinen, die an mehreren Stellen unverkennbar Spuren von Mottenfrass zeigten. In den Holzregalen hinter dem Tresen lagen dagegen fein säuberlich geordnet Dutzende Stangen und einzelne Packungen von Zigaretten, Tabak, Papierhülsen, die unterschiedlichsten Pfeifen und unzählige Feuerzeuge in allen möglichen Designs. Auf zwei alten, verblichenen Plakaten wurde für einen alten Schwarz-weiss-Film aus den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts geworben. Hier hatte wohl jemand die Zeit verpennt, dachte Kevin amüsiert. Er wandte erschreckt den Kopf, als er Geräusche vernahm.

 

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