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Aleph
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Es geschah dereinst vor vielen Jahrhunderten weit draußen im Universum zwischen
fremden Galaxien inmitten der Finsternis und Einsamkeit des Alls. Winzige
Lichtpunkte nur, für das Auge nicht erkennbar, schwirrten lautlos durch die
Tiefe der Unendlichkeit, überwanden Zeit und Raum in völliger Dunkelheit. Ohne
Ziel aber mit festem Sinn zogen sie ihre Bahnen, nichts konnte sie aufhalten,
niemand stellte sich ihnen in den Weg. Denn es waren die ewiglich bestehenden
Gedanken des Universums, kraftvoll und voller ungebändigter Energie. Niemand
kannte ihren Weg, niemand wusste, woher sie kamen und wohin sie gingen. Niemand
wusste von ihrem Ursprung oder ihrer Herkunft. Keiner kannte ihre Strukturen und
keiner wird je ihre Geheimnisse ergründen. Denn die kleinen unscheinbaren und
glitzernden Lichtpunkte waren plötzlich wie ein Gedanke da. Und nichts konnte
sie vertreiben. Für sie gab es keinen Raum und keine Zeit, kein Licht und
keine Dunkelheit, keinen Anfang und kein Ende. Sie hatten schon Bestand, noch
ehe das Universum mit all seinen prachtvollen Sonnen entstanden war,
herausgeschleudert aus Dimensionen des Unvorstellbaren, aus Ebenen fernab der
existentiellen Elemente. Sie fanden den Weg aus einem Seinsbereich, den kein
lebendiges Wesen je betrat. Denn sie kamen aus den Welten, die den Toten
vorbehalten ist. Sie waren überall und gleichzeitig. Denn sie sind der Ursprung
der Schöpfung. Aus ihnen hervor gingen Ursache und Wirkung, Anfang und Ende,
Wiedergeburt und Reinkarnation. Es waren die Gedanken der Seelen, entstanden aus
einem einzigen und alles umfassenden Wesen, aus einem unermesslichen Samenkorn.
Sie waren vor der Welten Anfang und werden auch nach ihrem Ende noch
bestehen. Einer dieser unscheinbaren Lichtpunkte war die Seele eines
Menschen, der in jener Nacht gezeugt wurde. Irgendwo auf einem Kontinent der
Erde. Zu einer längst vergangenen Zeit, die nirgendwo festgehalten wurde. Eine
Zeit, für die sich kein Mensch jemals interessierte. Eine Zeit, die geschah und
wieder verging wie all die vielen Epochen der Geschichte. Und dennoch sollte
jener Augenblick entscheidenden Einfluss auf Ereignisse in ferner Zukunft
nehmen. Ein kleines winziges Geschöpf, dessen Schicksal schon von Anbeginn
vorherbestimmt war, reifte heran im Schosse eines Weibes, das da heißt Marlies.
Neun lange Monate. Neun Monate, die sein Schicksal bestimmten. Und bei seiner
Geburt in einer klaren Sommernacht standen die Sterne unter keinem guten
Vorzeichen. Es war zu Zeiten der Ritter und der Könige, der Kreuzzüge und der
Fehden, der Hexen und der Dämonen, der Zauberer und der Gaukler als dies
geschah. Es war die Zeit der Unrast, des Umherziehens durch die Lande. Denn
vielerorts herrschten Pest und Aussatz, Krieg und Hungersnöte. Aber es gab auch
Gegenden des Friedens und der Geborgenheit. Und in einem solchen Land brachte
Marlies den Säugling zur Welt. Man nahm das Kind, ein Mädchen, und brachte es
zu einer Amme, die einsam und allein in einer armseligen Hütte hauste. Denn die
Mutter des Kindes war sehr schwach und kränklich, konnte das Neugeborene nicht
nähren. Und Olaf, der Vater, wollte von dem plärrenden Säugling nichts wissen.
Denn er hatte sich einen Knaben gewünscht und kein Mädchen, das einmal in Röcken
und Kleidern herumlaufen würde. Was konnte man damit schon anfangen? Die
Amme sprach, als sie alleine war und das Kind in Händen hielt: „Ein Mädchen
ist’s, rein und klar mit einem blauen Augenpaar. Unschuldig und unverdorben.
Nichts hat es von seinem unberechenbaren Vater, nichts von der zänkischen
Mutter. Doch was in seiner Seele sitzt, das weiß man nicht. Der Säugling soll
deshalb zu einem ansehnlichen Weib mit Macht und Geltung heranwachsen. Ich werde
das Kindlein hegen und pflegen, damit ihm kein Leid geschieht. Ich werde es all
die magischen Zaubereien lehren. Ich mache es reich an Wissen. Ihr Hexen und
Dämonen, ihr Geister der Finsternis, kommt herbei, kommt und sehet diesen
kleinen schreienden Säugling. Seht diese Schönheit, diesen Glanz, die Reinheit
seines Körpers. Nichts daran ist verdorben. Und so soll es alle Zeiten bleiben.
Niemand wird Macht ausüben über dieses unschuldige Geschöpf. Ich alleine werde
diesem Kindlein die kosmischen Energien einhauchen. Von mir soll es die
Geheimnisse und Weisheiten der universellen Kraft und seiner Entstehung
erfahren. Ich kenne die verborgenen Schriften mit all ihren magischen Worten.
Sie sollen in das Kindlein übergehen. Der Geist des Universums steckt in ihm,
schlafend und ruhend im Schoss der Geborgenheit und nur darauf bedacht erweckt
zu werden.“ Blechern lachte die zahnlose Amme, dass es durch ihre armselige
Hütte schallte und nach draußen klang, wo die Laute in der Unendlichkeit
verhallten. Pfeifend ging der Atem der Alten. Und ein schlafender Rabe auf dem
kahlen Baum vor der Behausung flog aufgescheucht davon. Dann hüllte Stille die
dunkle Nacht ein. Ruhe lag auf der hügeligen Landschaft. Nur hin und wieder
unterbrochen von dem rhythmischen Zirpen ungezählter Grillen oder dem Heulen
eines hungrigen Kojoten. Viele Tage vergingen. Und es kamen unzählige
Menschen von nah und fern zu der Hütte der Amme, um den Säugling zu bestaunen
und zu bewundern. Denn sie wollten die Frucht von Olaf, dem Zimmermann und
seinem Weib Marlies sehen. Ein jeder von ihnen brachte Gaben mit, denn die Alte
war selbst sehr arm und hatte nicht genug, um für sich und den Säugling zu
sorgen. Sie dankte jedem für die vielen mildtätigen Geschenke und schloss die
Barmherzigen in ihre täglichen Gebete mit ein. Der Säugling wuchs und gedieh
prächtig. Viele Jahre zogen im Wechsel der Gezeiten ungezählt dahin. Stets
sorgte die Amme für das Wohl ihres Ziehkindes. Sie hegte und pflegte es, sie
behütete es, damit ihm kein Leid geschah. Die Amme hatte ihre Freude an dem
Säugling. Mit Freuden genoss sie, wie er von Jahr zu Jahr wuchs und heranreifte.
Sie lehrte ihm die Sprache des Volkes, weihte das Kind in die Geheimnisse des
Lebens und allen Seins ein. Und nicht ein einziges Mal schauten Olaf und Marlies
nach dem eigenen Kind. Die Menschen im Dorf tuschelten oft über die Amme und
ihr Ziehkind. Viele verstanden nicht, warum ausgerechnet sie das Kind zur Pflege
hatte, da sie selbst gütigen Beistand brauchte. Und als sie einmal im Schein
eines Lagerfeuers zur Sommersonnenwende beisammen saßen, zogen sie über die Amme
her. Mit argwöhnischen Blicken musterten sie die Alte. Und als sie an diesem
Abend von dem Kindlein zu erzählen begann, ging ein Murren durch die Reihen der
Versammelten Und einer von ihnen sprach zu dem Weib: „Sag’ uns, was soll
geschehen mit dem Balg? Willst du diesen Schreihals noch länger behalten? Seine
Mutter ist krank und schwach. Der Vater ein Tyrann und voller Hartherzigkeit. Er
ist vom Bösen besessen. Wir können ihm den Säugling nicht geben. Denn er würde
ihn kläglich verkommen lassen. Was also soll aus ihm werden? Es wäre besser, das
Kind in ein reiches Haus zu geben, wo man für es sorgen kann.“ Die Alte hatte
die ganze Zeit in das auflodernde Feuer gestarrt. Jetzt hob sie ihren Blick.
Ihre giftigen und kalten Augen ließen den Versammelten einen Schauer über den
Rücken fahren. Mit schneidenden Worten wandte sich die Amme an die um das Feuer
Sitzenden: „Ich habe das Kindlein aufgenommen. Mir hat man es anvertraut. Ich
bin seine Amme. Ich habe es genährt, damit es stark und kräftig wird. Ich gab
ihm zu essen und zu trinken. Und es gedieh prächtig in meiner Obhut. Nie werde
ich es aus den Händen geben. Bei mir fühlt es sich wohl. Und es wird eines Tages
mit Wissen und Macht belohnt. All die Geheimnisse der Magie und des Zaubers soll
es erfahren ...“ Man sprach an diesem Abend nicht mehr über das Kind von Olaf
und Marlies. Es gab andere Dinge über die die Menschen redeten. Und dennoch
weilten die Gedanken der Amme stets bei ihrem kleinen Säugling, der ruhig und
zufrieden in seiner Wiege schlief. Irgendwann brachen sie auf, gingen nach
Hause, legten sich schlafen. Und auch die Amme trottete zu ihrer Hütte. Sie
schaute nach dem Kind, als sie angekommen war und legte sich dann auf ihr Lager.
Zufrieden hatte sie gesehen, wie friedlich das Kindlein schlief. Tag für Tag
nahm die Amme den Säugling mit bei ihren Besorgungen. Und jeder, der das Kind
sah, bewunderte und bestaunte es. Oft saß die Amme vor der Wiege und
murmelte liebevoll: „Mein Kindlein, dein Name soll Apodela sein. Das bedeutet in
der Sprache der Mystik ‘die aus dem Urstrom stammende’. Denn dein Leben ist von
großen Geheimnissen umgeben. So will ich dich also fortan Apodela nennen. Die
Alten im Dorf sterben dahin. Die Jungen reifen heran. Und niemand von denen soll
deine Herkunft erfahren. Keiner soll wissen, wer dein Vater war, keiner wird
erfahren, welches Weib dich gebärte.“ Ihre Stimme klang krächzend. Hämisch
lachte die Amme, wenn sie sanft die Wiege schaukelte. Die Zeiten vergingen.
Aus dem Wickelkind wurde eine schöne Jungfrau mit blondem lockigem Haar, das ihr
bald bis zu den Schultern reichte. In ihren blauen Augen lag ein zauberhafter,
geheimnisvoller Glanz, den keiner ergründen konnte. Vielleicht war es der Blick
des Vaters, der dieses unbescholtene Kind prägte. Saß etwa auch in dem kleinen
Geschöpf die Macht des Bösen und Brutalen? Hatten die geheimen Kräfte des
Verwerflichen schon bei der Geburt von ihm Besitz ergriffen? Oder steckte in
diesen Augen mehr Güte und Barmherzigkeit, als es den Anschein hatte? War der
Geist des Kindes von den unbekannten Energien des Kosmos erfüllt? Niemand konnte
es zu jenen Zeiten je ergründen. Und auch Apodela wusste nichts von ihren
Kräften. Kein Mensch vermochte den Schicksalsweg des Kindes vorherzubestimmen.
Er war festgeschrieben in den Analen des Unbekannten und Verborgenen, in den
Schriften, die der Kosmos schrieb. Niemanden gelang es, die Sterne zu befragen,
welche Berufung Apodela vorgegeben war. Und nur die Amme ahnte in manch ruhigen
Momenten, wenn sie nachdenklich an dunklen Abenden auf ihrem Schemel saß und das
heranwachsende Mädchen beobachtete, dass diesem unschuldigen Wesen eines Tages
ein vom Schicksal vorherbestimmtes schreckliches Ereignis widerfahren würde. Und
da spürte die Amme auch sehr deutlich, welch großes Unglück von ihm ausgehen
würde. Irgendwann, wenn ihr Geist durch Zeit und Raum dahinschwebte, suchend
nach einer neuen Lebensform. Irgendwann in fernen Zeiten, wenn nichts mehr ist,
so wie es war, wenn die Welt und die Völker auf ihr sich gewandelt hatten. Und
unsichtbar legte die Zeit ihren Mantel des Schweigens über die schicksalhafte
Vorsehung. |
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