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Der Junggeselle

An den letzten Freitagen hatte Felix bis 16 Uhr gearbeitet, während die meisten seiner Kollegen bereits gegen 13 Uhr Feierabend machten. Mit Grauen dachte Felix daran, was ihm noch bevorstand. Heute musste endlich mal wieder seine Wohnung auf Vordermann gebracht werden, der Dreck stank schon fast zum Himmel. Widerwillig machte er sich auf den Nachhauseweg. Er hasste diese ständige Putzerei, seit Miriam ihn verlassen hatte. Warum zwang er sich überhaupt in ein solches Schema hinein, das wie nach einem festgelegten Stundenplan ablief? Musste er unbedingt freitags sein Zwei-Zimmer-Appartement sauber machen, konnte es nicht mal samstags, montags oder mittwochs sein? Nein, seit Miriam hatte es sich so eingebürgert. Es gab ein Leben vor Miriam und es wird ein Leben nach Miriam geben. Die Episode dazwischen würde bald im Sumpf des Vergessens verschwunden sein. Bevor Miriam auftauchte war er ganz gut zurecht gekommen, alles lief nach seinen Regeln ab, die Ordnung im Haushalt war überschaubar gewesen. Doch schon nach ein paar Tagen hatte sie neue Sitten eingeführt, die Felix überhaupt nicht gefallen hatten. So war es ihr Wunsch gewesen, nein, sie hatte es regelrecht von ihm verlangt gehabt, dass er jeden Freitag die Wohnung ästhetisch in Schuss brachte. Es seien immerhin seine vier Wände und wenn sie ihn besuchen käme, wolle sie sich schließlich wohlfühlen und nicht in einer Dreckbude hocken.

Jetzt, wo die dumme Gans ihn endlich verlassen hatte, konnte er ja seine alten Gewohnheiten wieder aufleben lassen. Aber die Zeit mit Miriam hatte ihn arg geprägt, so dass Felix die Umstellung zu alten Bräuchen schwerfiel.

Felix kramte den Staubsauger aus dem Besenschrank, zerrte das unhandliche Gerät schwerfällig über den Teppichboden. Wegen einer Beziehung, die gerade mal sechs Wochen dauerte, hatte er für 399 Euro dieses klotzige Gerät angeschafft. Voller Stolz hatte er beim Kauf als Farbe ein mattes Blau gewählt, es war das letzte Modell dieser Art. Aber es sollte blau sein, weil es so schön zu seinem Auto passte.

Doch nun wünschte er dieses verfluchte Ding zum Teufel. Bei jedem Gebrauch verhedderte sich das Elektrokabel in den Laufrollen, was ihn schier zur Verzweiflung brachte. Zudem strengte es an, mit der Bürste unter der Couch und den Sesseln zu saugen. In den komplizierten Ecken versuchte es Felix erst gar nicht, es war ihm zu schwierig in die hintersten Winkel zu kommen.

Mit brutaler Härte drückte Felix die Saugbürste über den weichen Berberteppich im Wohnzimmer. Es war Wut, die jetzt in ihm aufstieg, Wut wegen der Erinnerungen, die in diesem Moment wach wurden. Hier hatte er manchmal auf dem weichen Teppich gelegen und es mit Miriam getrieben, wenn die Zeit einfach nicht mehr bis zum Schlafzimmer reichte. Nun glaubte er, das laute Aufheulen des Staubsaugermotors und die ständigen Hin- und Herbewegungen der Bürste könnten diese Erinnerungen aus den Fasern des Teppichs für immer heraussaugen.

Das Wohnzimmer hatte Felix schnell geschafft, mit dem Flur holte er absoluten Rekord, da gab es nicht viel zu tun. Einmal um die Eingangstür herum, dann rüber zur Küchentür und von dort zum Bad und fertig. Danach hatte Felix genug. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, das Hemd klebte am Rücken. Felix verpasste dem Staubsauger einen kräftigen Tritt, dass dieser quer über den Flur rutschte und mit dröhnendem Scheppern unsanft an der nächsten Wand landete. Die beiden Plastiklaufrollen quietschten derart erbärmlich, als wollten sie sich über die brutale Behandlung lauthals beschweren.

Jetzt hatte sich Felix eine Pause verdient. Er ging in die Küche, nahm einen kräftigen Schluck Mineralwasser und schlürfte ins Wohnzimmer.

Als er auf der Couch hockte und genüsslich den Rauch seiner Zigarette einatmete, streifte sein Blick zum Fernsehgerät. Dort stand vor drei Wochen noch das Bild von Miriam. Er hatte es gleich nach dem großen Streit in einer Schublade verstaut, um ja nicht mehr an diese blöde Kuh erinnert zu werden. Wie hatte er es überhaupt so lange mit dieser nervigen Zicke aushalten können? Tagelang, wochenlang hatten sie nebenan im Schlafzimmer gelegen und sich dumm und dämlich gevögelt oder hier auf der Couch gehockt und von oben bis unten abgeknutscht. Felix wurde ganz schlecht, wenn er an diesen fettigen Lippenstift dachte. Dieser widerliche mehlige Pudergestank steckte ihm jetzt noch in der Nase. Er assoziierte diesen Geruch mit den grauen Staubansammlungen in den Ecken an den Stoßkanten der Fußbodenleisten, wo er so schlecht mit dem Besen hinkam.

Felixs Blick streifte die Vase, die auf der Kommode stand. ‚Dieses verdammte Fragment gehört doch längst zum Sperrmüll! Warum steht das blöde Ding überhaupt noch da?’, wunderte er sich.

Er drückte die Zigarettenkippe im Aschenbecher aus, erhob sich, packte die Vase und brachte sie in die Küche, wo er sie in den Mülleimer warf. Laut scheppernd zerbarst sie in Tausend Stücke. Mit einem erleichternden Seufzer atmete er auf und brummte: „Geschafft, endlich!“

Danach schnappte er das Staubtuch und wischte eher lustlos über die Möbel. Warum tat er sich das überhaupt an? Warum diese Mühen und Plagen? Für wen? In ein paar Tagen sah es doch wieder genau so aus wie vorher. Warum nahm er nicht einfach den Besen und fegte einmal quer durch die Wohnung, so wie früher? Vor zwei Monaten war die Welt noch in Ordnung gewesen, da hatte es keine Miriam gegeben, die jedes Wochenende bei im aufgetaucht war und kritisch jeden Winkel in der Wohnung mit ihren Augen abgetastet hatte. Da gab es hundert andere Frauen in seinem Leben. Wenn er wegen jeder von ihnen seine verdammte Wohnung sauber gemacht hätte, er wäre Tag und Nacht nur noch am putzen gewesen.

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