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Dunkelheit
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Dunkelheit  
 
 
 

Krüger hörte plötzlich das Rascheln des vertrockneten Laubes auf dem schmalen Parkweg. Bevor er reagieren konnte bekam er auch schon von hinten einen gewaltigen Schlag mit einer massiven Latte versetzt. Die rauen Splitter der scharfen Kante bohrten sich brennend in seine Haut. Ein stechender Schmerz zog von seinem Nacken bis über die Stirn und trieb ihm die Tränen in die Augen. Gleichzeitig spürte er einen breiigen Klos, angefüllt mit dem Geschmack übersäuerter Magensäfte, die Kehle hochziehen, der wie ein blockierender Korken seine Nase verstopfte. Krüger riss den Mund auf, versuchte nach Luft zu schnappen, krächzte ein paar Laute und fiel dann nach vorne um.

Den Aufschlag am Boden nahm Krüger nur kurz in sämtlichen Gliedern wie den Sturz von einem Motorrad wahr. Er wollte noch schreien vor Schmerz, doch dazu kam er schon gar nicht mehr. Krüger hatte bereits das Bewusstsein verloren. Es war ohnehin schon Nacht, nun wurde es noch dunkler, pechschwarz und bedrückend still.

Irgendwann kam Krüger wieder zu sich. Auf allen Vieren lag er lang ausgestreckt mit dem Rücken auf einer harten, kalten Fläche, wo, das wusste er nicht. Es war so dunkel, dass er noch nicht einmal die Hand vor Augen sehen konnte. Krüger wusste auch nicht, ob er überhaupt die Augen geöffnet oder geschlossen hatte und blinzelte deshalb mehrmals. Nicht die geringsten Konturen seiner Umgebung konnte er wahrnehmen. Behutsam hob Krüger seine linke Hand, versuchte seine Umgebung abzutasten, um überhaupt einschätzen zu können, wie viel Bewegungsfreiheit er hatte. Vorsichtig versuchte er sich aufzurichten. Da spürte er diesen Schmerz in seinem Nacken, ein plötzliches Stechen und Reißen, das wie ein Schwall Nadeln durch seinen Kopf jagte und seine Stirn durchbohren wollte. Es blähte seine Nase wie einen feuchten Schwamm auf. Krüger begann zu würgen, er hustete und spürte nur allmählich wie der Druck sich löste. Vor seinen Augen begann es zu flimmern, er meinte den Sternenhimmel erkannt zu haben. Doch es war nur der durch die Anstrengung erzeugte innere Kräfteverbrauch, der seine Sinne durcheinander brachte.

Krüger atmete ruhig durch, um sich konzentrieren zu können. Jede Hektik würde nur in unkontrollierter Panik enden und ihn in einen Sog der Aussichtslosigkeit seiner Lage ziehen. Er drehte sich auf den Bauch. So konnte er zwar genau so wenig erkennen wie in Rückenlage, doch in dieser Position würde er gelassener und konzentrierter nachdenken können. Krüger lauschte in die Dunkelheit. Kein Laut war zu hören, kein Luftzug regte sich, was ihm die Gewissheit gab, dass er sich in einem geschlossenen Bauwerk befinden musste. Er lag also nicht mehr im Park, wo man ihn niedergeschlagen hatte. Wie spät war es eigentlich? Seine Uhr konnte er nicht erkennen, dazu war es viel zu dunkel. Er konnte sie nur mit den Fingern ertasten.

Angestrengt überlegte Krüger, kam aber zu keinem Ergebnis und sah ein, dass es sinnlos war, weiter darüber nachzudenken. Er versuchte sich auf seine gegenwärtige prekäre Lage zu konzentrieren und eine Lösung zu finden.

Es roch nach verdorrtem Fichtenholz, nach gepressten Spanplatten und nach ausgetrocknetem Leim, dieser klebrigen weißen Masse, wie man sie zum Binden von Holzträgern oder Deckenbalken benutzte. Krüger vermutete, dass man ihn in eine Lagerhalle oder eine Produktionsstätte gesperrt hatte. Aber warum drang kein Licht herein? Gab es keine Fenster in dem Gebäude? Jede Halle hatte irgendwelche Öffnungen, Tore, Ausgänge, Lichtkuppeln, Schlitze oder Luken, durch die selbst bei völliger Dunkelheit Lichtreflexe hereinfallen mussten. Aber Krüger konnte nicht einmal ansatzweise die Spur von Schatten ausmachen.

Vorsichtig kroch er auf allen Vieren vorwärts, tastete mit den Händen den rauen Betonboden ab, der nach verbranntem Diesel stank. Hier mussten nicht nur Holz und Baustoffe lagern, sondern auch noch Maschinen stehen, schloss Krüger. Was wäre, wenn er in der Dunkelheit in eine Montagegrube fiel und sich sämtliche Knochen brach? Nicht auszudenken! Sollte er aus Leibeskräften um Hilfe schreien? Entweder würde ihn keiner hören oder die Kerle, die ihn überfallen hatten, würden angerannt kommen und ihn endgültig fertig machen. Nein, Krüger zog es vor, die Klappe zu halten.

Die Stille war unerträglich, sie dröhnte in Krügers Ohren. In diese Lautlosigkeit verursachte nach seinem Empfinden jedes winzige Geräusch, das er verursachte, einen Höllenlärm. Wie weit er auf dem staubigen Boden herumgekrochen war, wusste Krüger nicht, konnte nicht einmal sagen, ob er sich nur im Kreise gedreht oder einen anderen Standort erreicht hatte. Krüger wagte sich nicht aufzurichten, aus Furcht, mit dem Kopf an vorstehende Hindernisse zu stoßen und sich dabei ernsthaft zu verletzen. Zudem konnte er nicht einschätzen, wie hoch der Raum, in den man in gefangen hielt, wirklich war. Womöglich handelte es sich auch nur um einen Stollen oder Tunnel mit einer Höhe von gerade mal einem Meter. Ja, so musste es sein, überlegte Krüger, das würde die absolute Dunkelheit und den Geruch des Holzes und des verbrannten Diesels erklären. Aber war es wirklich so? Die dumpfen Geräusche, die seine Bewegungen und sein Atem verursachte, sprachen dagegen. Außerdem vermisste er den typischen Luftzug, der in Tunnels herrschte, hier jedenfalls war es absolut windstill.

Wie eine schleichende Wildkatze robbte sich Krüger weiter. Von dem harten Betonboden begannen seine Knie bereits zu schmerzen. Er wollte schon aufgeben, weil er einsah, dass es keinen Sinn machte, weiter durch die Dunkelheit zu kriechen. Plötzlich stieß er mit der Stirn an einen harten Gegenstand. Vor Schreck verharrte er für einen Moment auf allen Vieren und spitzte die Ohren. Der dumpfe Aufprall hatte einen derart lauten Knall verursacht, dass Krüger glaubte, die ganze Welt habe diesen Lärm gehört. Aber es blieb alles ruhig, nichts rührte und regte sich. Vorsichtig streckte Krüger seine rechte Hand aus und versuchte das vor ihm aufgetauchte Hindernis abzutasten. Seine Finger berührten einen kalten metallenen Gegenstand. Krüger drückte kräftig dagegen, er gab nicht nach. Langsam richtete sich Krüger auf, betastete mit beiden Händen die Barriere und überlegte. Was konnte das sein? Eine Wand, ein Container, ein Schrank oder eine Tür? Krüger tastete sich behutsam weiter vor. Die Dunkelheit lag wie ein Leinensack auf ihm und engte ihn in seinen Bewegungen und Gedanken ein.

Plötzlich berührte Krüger einen kurzen hervorstehenden Stab, einen gebogenen Schaft oder was immer es auch sein mochte. Sehr schnell begriff er: Es war die Türklinke! Er drückte sie nach unten, stemmte sich dagegen, spürte nur kurz einen Widerstand und gelangte im nächsten Moment ins Freie.

 

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