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Die beiden nordamerikanischen Archäologen Dr. Curt Olsen und Dr. Joseph Ashley
hielten sich bereits seit mehr als drei Monaten in der zerklüfteten Bergwelt der
peruanischen Anden auf. Fernab von jeglicher Zivilisation, inmitten einer
einsamen und öden Hochebene. Die Luft war hier verdammt dünn und die Arbeit
strengte mächtig an. Ihre Aufgabe bestand darin, mit einer Vielzahl von Helfern,
meist Eingeborene aus den nächsten Dörfern des Hochlandes, unter Schutt und
Geröll begrabene Inkasiedlungen freizulegen. Ob sie fündig werden würden, wußten
sie freilich nicht. Denn die Arbeit der Archäologen erwies sich als mühselig und
sehr langwierig. Jeder einzelne Spatenstich mußte nach Spuren untersucht werden.
Eigentlich kam es nur durch puren Zufall zu den jetzigen Ausgrabungen,
nachdem ein Bauer beim Pflügen seines Ackers mehrere vorgeschichtliche
Tonscherben fand. Clever, wie er war, berichtete er von seinem Fund sofort den
zuständigen Behörden, um eine saftige Belohnung zu kassieren. Dann aber dauerte
es doch noch einige Zeit, bis sich ein Expertenteam fand, das die Ausgrabungen
leiten und durchführen wollte. Eine Routinearbeit sollte es werden. Daß die
Wissenschaftler bei ihren Ausgrabungen eine sensationelle Entdeckung machen
würden, ahnten sie natürlich nicht. Und so stellte sich ihre Arbeit anfangs wie
jede andere Ausgrabung auch dar. Eines Tages stießen die Archäologen mit
ihrem Team auf felsigen Untergrund. Die Arbeiter zeigten sich überrascht, als
ihre Spitzhacken auf den harten Boden trafen. Ein hartes Stück Arbeit begann.
Schon bald entpuppte sich die Freilegung als Reste eines großen Tempels. Doch
von der wohl einstigen Pracht zeugte nicht mehr viel. Nur vereinzelte Säulen
standen noch an ihrem ursprünglichen Platz. Verwittert und vermodert waren die
Malereien und kaum zu erkennen. An anderen Stellen entdeckten die Männer weitere
Säulen, die kreuz und quer im Erdreich verstreut lagen. Wochen vergingen. Endlich war es geschafft, der Tempel von Schutt und Dreck
befreit. So konnte man nun deutlich den früheren Grundriß des Bauwerkes
erkennen. Vereinzelte Mauerreste deuteten Räume und Säle an, in denen einst ein
großartiges Königtum regiert haben mußte. Neben dem Haupttempel befand sich noch
ein kleinerer Anbau, der zum größten Teil unter den Erdmassen der Verwitterung
trotzte. Von dort führte ehemals ein gepflasterter Weg zu einem zusätzlichen
Bauwerk. Monatelang dauerten die weiteren Ausgrabungen, dann hatten die Arbeiter
auch diesen Tempel vom Geröll befreit. Olsen und Ashley schritten über die
freigelegten Wege. Sie waren stolz auf ihre Arbeit und bestaunten die
verfallenen Bauwerke. Sie konnten nun mit genaueren Untersuchungen beginnen. In
einem der Tempel entdeckten die beiden Reste von Malereien an den Wänden, fanden
da geheimnisvolle Schriftzeichen, die ihnen vollkommen fremd vorkamen. Wer
mochten die Erbauer dieser Stätte gewesen sein? Welchem Gott oder Fürsten zu
Ehren warden diese Tempel errichtet? Wie hieß der Herrscher oder König, der in
diesem großen Bauwerk regierte? Aus den Schriftzeichen und Malereien ergab
sich kein Hinweis auf die Baumeister oder eine bestimmte Kultur. Nichts von dem,
was die Archäologen fanden, ließ den Schluß auf ein konkretes Volk zu. Inka
hatten wohl nicht dieses Bauwerk errichtet. Die ganze Art und Weise der
Verarbeitung, die Skulpturen und auch die Malereien sowie die vielen Fresken
entsprachen nicht deren Kultur. In einem der Innenhöfe nahmen Olsen und
Ashley Vermessungen des Bodens vor. Plötzlich entdeckte Dr. Ashley etwas sehr
außergewöhnliches. Er bückte sich und schabte mit den Fingern den Schmutz von
dem steinernen Untergrund. "Curt kommen Sie! Sehen Sie sich diese Ritzen da
im Boden an. Sieht ganz so aus, als würde dahinter irgend etwas verborgen sein.
Bestimmt eine Grabkammer. Vielleicht finden wir sogar eine alte Mumie von dem
ehemaligen Herrscher", sagte er zu seinem Kollegen. Dr. Olsen kam näher und
beugte sich nieder. "Ja, könnte sein", entgegnete er nachdenklich und rieb sich
am Kinn. Mit ihren Händen scharrten die beiden Männer den restlichen Dreck
beiseite, bis sich klar die Umrisse der Steinplatte erkennen ließen. Sie holten
Stemmeisen und Meißel und versuchten, den Verschluß aus seiner Verankerung zu
heben. Es gelang ihnen nicht. Schweißtriefend und schwer atmend hockten sie sich
auf den Boden. Ashley schüttelte den Kopf und zog seine Stirn in Falten.
"Das Ding kriegen wir so nicht auf", stellte er fest und schaute
nachdenklich auf die Steinplatte, als könne er die Antwort da ablesen. Olsen
nickte und zündete sich eine Zigarette an. Tief sog er den Rauch ein und genoß
den blauen Dunst. "Holen wir ein paar Arbeiter her. Wir kriegen das Schloß
schon auf", sagte Olsen, nachdem er aufgeraucht hatte. Er pfiff durch die
Finger. Die Arbeiter schauten zu ihm herüber. Er winkte und rief einige zu sich.
Schließlich gelang ihnen unter großer Anstrengung, die Bodenplatte zu bewegen.
Mühsam war es, sie aus ihrer Verankerung zu heben. Doch dann hatten sie es
endlich geschafft. Sie schauten in die Öffnung und entdeckten eine Steintreppe.
Sie führte im Dunkeln tief unter den Tempelbau. Die Arbeiter machten sich
wieder an ihre bisherige Aufgabe. Ashley und Olsen holten zwei Lampen aus ihrer
Ausrüstung. Langsam schritten sie die Stufen hinab. Ihre Schritte hallten in den
kahlen und dunklen Gängen wider. In vielen Verzweigungen führte der Weg immer
tiefer in die verborgenen Reste dieses antiken Bauwerkes. Glatt, wie mit
Steinfräsen bearbeitet, waren Wände und Decken. Auch die verstaubten
Treppenstufen zeugten von meisterhafter Arbeit. Eine Steintreppe, gegossen wie
auf dem Fabrikationsband eines modernen Betonwerkes. In den düsteren Gängen
zeigten sich keine Hinweise auf die Erbauer. Keine Schriftzeichen oder Malereien
an den Wänden, was sich schon als außergewöhnlich darstellte. Keine
Ornamentverzierungen, keine Nischen mit Stauen, keine Reliefs. Nur ein kalter
und schlichter Gang. Trostlos und geheimnisvoll zugleich. Ihr Forschergeist
trieb die beiden Wissenschaftler unaufhaltsam weiter. Auf endlos erscheinenden
Stufen ging es immer tiefer ins Erdinnere. Manchmal mußten die beiden Männer
lange und schmale Gänge passieren, bis erneut Treppenstufen nach unten führten.
An jeder Verzweigung machte Dr. Olsen ein Kreidezeichen an die Wände, damit sie
sich nicht in dem Irrgarten verliefen. Jeden Winkel und jede Ecke leuchtete Dr.
Ashley aus. In der Hoffnung, irgendeinen Hinweis oder eine besondere Entdeckung
zu machen. Aber nichts dergleichen. Wände und Decken waren genauso wie der
Boden auch hier unten exakt geschliffen. Keine Unebenheit weit und breit.
Dennoch breitete sich Enttäuschung in den Gesichtern der Wissenschaftler aus,
nachdem sie auch so tief unten keinerlei Schriftzeichen oder ähnliches finden
konnten. Doch sie ließen sich nicht aufhalten. Immer weiter gingen die
beiden die ungewissen und düsteren Treppenstufen hinunter. Schritten durch fast
nichtendende Gänge, gelangten in leere und kahle Räume, von denen wiederum
verschiedene Gänge abzweigten. Fast drohend schienen die Felswände sie
anzustarren, als wollten sie die Eindringlinge vertreiben. Es herrschte
unheimliche Stille. Nur das hallen ihrer Schritte wirkte gespenstisch in den
kahlen Gemäuern. Plötzlich ging es nicht mehr weiter. Eine Felswand
versperrte den Archäologen den Weg. Sie befanden sich in einer Sackgasse. Sie
gingen zurück bis zur nächsten Abzweigung und versuchten es in einem anderen
Gang. Aber auch hier das gleiche. Also probierten sie es überall in dem
Labyrinth. Aber alle Wege endeten vor einer grauen Wand. Nirgends ein Hebel, der
ihnen die Hindernisse beseitigte. Sollte hier Endstation sein? In stummen
Gängen tief unter dem Erdreich? In kahlen Räumen, die nicht einmal einen simplen
Sarkophag verbargen? Ohne den geringsten Gegenstand? Nicht mal Wandzeichnungen.
Trostlos wie in einem Bergwerkschacht. Nichts deutete auf die Grabkammer eines
Inkafürsten hin. Nichts auf einen rituellen Ort, einen Opferstein, eine
Schatzkammer. Waren andere vor ihnen schon hier? Grabräuber, die die Schätze an
sich nahmen? Es konnte nicht sein. Hatten sie doch diese Stätte in mühseliger
Arbeit erst freigelegt. "Das ergibt keinen Sinn", stellte Olsen fast
enttäuscht fest. "Wer errichtet solch ein aufwendiges Bauwerk? Plagt sich ab,
schuftet bis zur Erschöpfung? Nur für nichts und wieder nichts. Eine
nichtssagende Ruine."
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